Mein Name ist Bello. Ich bin ein Golden Retriever, was bedeutet, dass ich eigentlich für zwei Dinge gemacht wurde: Das Sammeln von Tennisbällen und das bedingungslose Lieben meiner Menschen. Aber in letzter Zeit habe ich eine neue Aufgabe: Ich bin der einzige vernünftige Beobachter in einer Welt, die anscheinend den Verstand verloren hat.
Ich habe eine Theorie: Meine Besitzer haben ein neues, sehr seltsames Götzenbild. Es ist klein, es leuchtet blau und es scheint die Menschen zu hypnotisieren. Ich nenne es das „Glitzer-Ding“.
Das Ritual der unbeweglichen Statuen
Heute Morgen war es wieder so weit. Wir sind in den Park gegangen – eigentlich ist das meine Lieblingszeit, weil die Welt da draußen so viele interessante Gerüche hat. Es gibt den Duft von nassen Blättern, dem Nachbarn seinem neuen Hund und der heißen Wurst vom Stand am Eingang.
Aber meine Besitzerin, die ich „Frauchen“ nenne, ist heute wieder im „Glitzer-Modus“.
Wir laufen über die Wiese, und eigentlich müsste sie mich jetzt anschauen. Sie sollte sehen, wie ich versuche, einen besonders interessanten Käfer zu fangen, oder sie sollte bemerken, dass ein kleiner Junge gerade versucht, eine Pfütze zu fressen. Aber nein. Ihr Kopf ist gesenkt. Ihr Kinn klebt förmlich an ihrem Brustbein, und ihre Augen sind starr auf dieses leuchtende Ding in ihrer Hand gerichtet.
Ich habe versucht, sie zu warnen. Ich habe ein kurzes, scharfes Bellen ausgestoßen – das „Achtung, da vorne ist ein sehr wichtiger Ast!“-Signal. Sie hat nur kurz gelächelt, ohne aufzublicken, und gesagt: „Gleich, Bello. Mama muss nur kurz dieses Foto posten.“
Ein Foto? Von was? Dem Boden? Sie starrt auf den Boden! Wenn sie so weitermacht, wird sie bald über ihre eigenen Füße stolpern.
Die Zombie-Parade im Park
Wir sind weitergelaufen, und ich habe mich gefragt, ob alle Menschen so „kaputt“ sind. Es ist wie eine Parade der Unbeachteten.
Da war ein Mann auf einer Bank, der so intensiv in sein Glitzer-Ding starrte, dass er nicht bemerkt hat, wie ein kleiner Welpe direkt vor seinen Füßen einen sehr interessanten Haufen hinterlassen hatte. Ein Hund! Ein echter, duftender Hund! Das ist eine soziale Interaktion der höchsten Güte! Aber der Mann? Er hat nur kurz mit dem Finger über das Glas gefegt, als würde er versuchen, eine Fliege zu fangen.
Und dann die Paare! Das ist das Beste. Es gibt zwei Zweibeiner, die nebeneinander auf einer Bank sitzen. Sie halten sich an den Händen – das ist eigentlich ein Zeichen für „Wir gehören zusammen“ –, aber beide starben fast vor Langeweile, weil sie nur auf ihre jeweiligen Glitzer-Dinger starrten. Sie waren physisch da, aber mental schienen sie in einer anderen Dimension zu sein, in der es keine Hunde und keine Wurst gibt.
Ich habe versucht, die Stimmung zu retten. Ich bin zwischen Frauchens Beine gelaufen und habe mich ganz fest gegen ihr Schienbein gelehnt. Ein klassischer „Hey, ich bin real und ich brauche Aufmerksamkeit!“-Move.

„Bello, nicht jetzt!“, sagte sie, ohne den Blick vom Display zu lösen. Sie hat mich gestreichelt, aber es war ein „Automaten-Streicheln“. Ein mechanisches Klopfen auf meinen Kopf, während ihr Geist irgendwo in einem digitalen Wolkenkratzer feststeckte.
Die große Gefahr: Der unsichtbare Kollisionskurs
Das Schlimmste passierte am Brunnen. Ein kleiner Junge rannte mit einem bunten Ball über den Weg. Er war laut, er war schnell und er war – Gott sei Dank – sehr real.
Ein Mann kam entgegen, der so tief in sein Glitzer-Ding versunken war, dass er die Welt um sich herum komplett vergessen hatte. Er sah den Jungen nicht. Er sah den Ball nicht. Er war ein wandelndes Hindernis.
Ich habe es kommen sehen. Ich habe geklärt, die Ohren aufgestellt und ein tiefes Knurren ausgestoßen – das „Achtung, Kollision droht!“-Signal.
In letzter Sekunde hat die Mutter des Jungen ihn am Kragen gepackt und zurückgezogen. Der Mann ist einfach weitergelaufen, als wäre nichts passiert. Er hat nicht einmal gemerkt, dass er gerade fast einen Unfall gehabt hätte. Er war so sehr mit seinem digitalen Licht beschäftigt, dass die echte Welt für ihn nur noch eine Kulisse ohne Bedeutung war.
Ich habe meine Besitzerin angesehen. Sie hat das alles gesehen, aber sie hat nur kurz auf ihr Handy geschaut und ein „Oh, wie süß“ getippt.
Das Fazit eines Hundes
Jetzt sitzen wir wieder zu Hause. Frauchen liegt auf dem Sofa, und das Glitzer-Ding leuchtet wieder in ihrer Hand. Sie ist physisch hier, aber ich weiß genau: Sie ist nicht wirklich da.
Ich habe mich zu ihren Füßen gelegt und seufze tief. Ein echtes, hörbares Seufzen.
Ich glaube, die Menschen haben vergessen, dass das Leben nicht in Pixeln stattfindet. Das Leben ist schmutzig, es riecht nach Regen und Hund, es ist laut und manchmal unordentlich. Das Leben passiert hier, nicht in einem kleinen leuchtenden Kasten.
Ich werde heute Nacht versuchen, ihre Hand zu lecken, während sie schläft. Vielleicht wacht sie dann auf und sieht mich an. Ohne Glitzer. Nur ich und sie.
Das wäre ein guter Tag.
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